Dienstag, 8. November 2016

Die Sache mit den Schuhen...

Mühsam hat sie sich von der Liege des 4-Sterne Hotels auf die nächstgelegene Bank geschleppt, in der linken Hand den Schuh. Ihr rechter Fuß gehorcht ihr nicht, genauso wenig wie die rechte Hand, die ihr schlaff und seltsam verdreht an der Seite herabhängt. Ihr Gesicht ist ebenfalls entstellt, die gesamte rechte Seite hängt unnatürlich nach unten und das zugehörige Auge starrt blicklos in die Leere. Sie hat es geschafft, die Bank ist erreicht mit einer seltsam drehenden Bewegung lässt sie sich darauf plumpsen und sieht unstet, suchend, hilflos in die Runde der reichen und Schönen die dort in den Liegen oder an den Tischen sitzen.

Apoplex, Schlaganfall ist meine erste Diagnose. Die Symptome sprechen eine eindeutige Sprache, halbseitige Lähmung, schlurfender Gang. Endlich kommt die Bedienung vorbei, Martina*. Mit großer Mühe formt die Dame einige Worte auf Französisch. Wenn Martina auch diese Sprache nicht versteht, es ist klar, um was die Dame bittet. Sie braucht Hilfe beim Schuh anziehen. Der Blick, den ihr die Angestellte zuwirft, treibt mir Tränen in die Augen. Nein, sie bringt gerne Wasser und Kuchen und unterhält sich auch nett mit den Gästen, aber an den Füßen einer so unansehnlichen Figur möchte sie sich nicht die Finger schmutzig machen! Sie vertröstet die Dame und bedient erst andere Gäste in einem anderen Teil des großen Hotelgartens.

Jesus lässt sich herab und wäscht seinen Jüngern die staubigen, dreckigen Füße. Er war der Sohn Gottes. Der Sohn dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Er selbst war dabei, als Gott die Welt machte. Sie nannten ihn Rabbi und Lehrer, mehr noch. Dennoch macht Jesus sich die Finger schmutzig, dennoch ist er sich nicht zu schade. Und, woran möchte ich mir die Finger nicht schmutzig machen?

Die Bedienung ging zehn Minuten später ins Hotel zurück, sie hatte noch mit Gästen gescherzt. Die Frau saß inzwischen nicht mehr da, jemand anderes hatte ihr den Schuh angezogen.

Claudia


*Name von der Schreiberin geändert


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